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10 Jahre Vision 2035 – es gibt noch viel zu tun

Co-Autor: Janosch Szabo

Wirtschaftskritisch, sozial-ökologisch initiativ und politisch engagiert hat Mathias Stalder Vieles mitgemacht und lanciert, um den gesellschaftlichen Wandel voranzutreiben. Aus diesem Engagement ist vor 10 Jahren die Vision 2035 entstanden. Im persönlichen Gespräch erzählt er, was sie ursprünglich genau war und was er sich heute zum 10-jährigen Jubiläum wünscht – für die Zeitung aber auch die ganze Transitionbewegung in Biel.

Für das Gespräch lädt Mathias Stalder aufs Terrain Gurzelen. Die Zwischennutzung hat hier Raum für eine Vielzahl sozialer, kultureller und ökologischer Projekte geschaffen. Mathias, der auch im Vorstand der ansässigen Kinderbaustelle ist, sagt: «Es ist einer der seltenen Orte in Biel, wo es Platz gibt und die Möglichkeit Alternativen zu erproben und sichtbar zu machen sowie neue soziale Netze zu knüpfen.» Anliegen, die auch vor 10 Jahren in den Anfängen der Vision 2035 im Vordergrund standen.

Ausgelöst durch die Finanzkrise im Jahr 2008 stellte sich der damals gerade Vater Gewordene die Frage: Was können wir tun? Was gibt es für Alternativen? Wie können wir das, was uns weggenommen wurde, unsere Freiräume, unsere Entscheidungssouveränität wieder zurückgewinnen? Auf der Strasse an Demos nur «Stop the game» skandieren, war ihm nicht mehr genug. Mathias hatte die Transitiontown-Bewegung von Rob Hopkins für sich entdeckt. Davon inspiriert, wollte er nun auch in Biel etwas in Gang setzen, Trainings anbieten, Netzwerke schaffen, über neue Formen von Geld, Vertragslandwirtschaft, und erneuerbare Energien reden. Die Vision 2035 war geboren – eine gross angelegte Veranstaltungsreihe zu den Themen Ökologie, Ökonomie und Politik im Herbst 2010, quasi als Ergänzung zum bereits bestehenden Autonomen Jugendzentrum AJZ. «Ich war der Motor und ich wollte möglichst viele Leute erreichen. Deshalb die Zeitung.» 10’000 Exemplare wurden gedruckt. Mathias schrieb im Editorial: «Die Wende kommt.» Und: «Die Veranstaltungsreihe will Denkanstösse, Argumente und noch wichtiger Handlungsmöglichkeiten aufzeigen, eine soziale und ökologische Wende hier in Biel zu erreichen.»

Aufbruchstimmung

In der zweiten Zeitung, jetzt auch mit französischen Beiträgen, Ende desselben Jahres dann eine erste Zwischenbilanz: «Die Vision wird konkret, das war das Ziel und das verfolgen wir mit vielen neuen Menschen und ich teile die bescheidene Hoffnung, dass hier eine neue Gemeinschaft entsteht, die nicht nur debattiert, den Wissensaustausch fördert sondern auch an einer praktikablen Alternative arbeitet, wie wir unser Leben wieder in die eigenen Hände nehmen können.»

«Alles wird gut» setzte Mathias noch ans Ende seines Editos, eine Referenz an Wohlgroth, einer der grössten Hausbesetzungen in der Geschichte der Schweiz (1991 – 1993 in Zürich), wo dieser Spruch auf die Fassade gesprayt war. Mathias, der in dieser Zeit politisiert wurde, braucht ihn noch heute oft: «es chunnt scho guet.»

Nochmal ein paar Monate später wieder im Edito: «Aus einer geplanten Zeitung wurden vier. Aus 15 Veranstaltungen rund 30. Und aus der Idee, gemeinsam die Stadt zu verändern, eine Gruppe von über 70 aktiven Personen und 100 InteressentInnen. Sieben Arbeitsgruppen: Cantine Mobile, Vertragslandwirtschaft, Gemeinschaftsgarten, Transition Town, Regiogeld und neu die Regioküche sind entstanden. Nach neun Monaten einer doch intensiven Kampagne bleiben ein gutes Gefühl, ein grosses Vertrauen und eine angenehme Spannung, was sich noch entwickeln wird.»

Nach der vierten Ausgabe endete die Veranstaltungsreihe, aber die Zeitung wurde weitergeführt. Die Idee war, neue Leute anzusprechen, die nicht schon zum «Kuchen» gehörten, um eine breite Bewegung aufzubauen. Bald schon wurde Mathias klar, dass er allein nicht alles auffangen und weiterbetreuen konnte, was an Themen und Initiativen entstand. Aber das musste er auch nicht, denn viele tragende Menschen waren hinzugekommen. Ende 2013 zog er sich aus Vielem zurück. Manches blieb auf der Strecke, Anderes blühte auf.

Träume von Regiogeld und autofreiem Biel

Da war zum Beispiel der «Rousseau», das neue Regiogeld, schon gedruckt, eine Arbeitsgruppe schnell beisammen. 30 Betriebe und 50 Personen wären nach der Theorie notwendig gewesen, um dieser Antwort auf die Finanzkrise zum Erfolg zu verhelfen. Doch im Team kamen Zweifel auf, sollte man nicht lieber das bereits bestehende Talent-Netzwerk unterstützen, statt etwas Neues lancieren? Das Ganze verlief sich nach ein paar Sitzungen. Mathias sagt heute: «Es wäre nach wie vor ein schönes Projekt, um so mehr als dass Guido Müller, Stadtpräsident von Biel in den 30er-Jahren, so etwas auch mal einführen wollte.»

Durchgestartet ist hingegen das Projekt der Vertragslandwirtschaft, das die Idee verfolgt, lokale Versorgungsnetzwerke aufzubauen und den Landwirten ein faires Einkommen zu sichern. Mit über 100 Mitgliedern ist es heute unter dem Titel Terre Vision ein eigener Verein (siehe Artikel S. 16).

Auch eine autofreie Stadt gehörte vor 10 Jahren zur Vision einer sozialeren und umweltverträglicheren Zukunft. Hier habe sich zwar einiges bewegt, so Mathias, Pro Velo sei dran und der Westast hoffentlich gestorben. Aber die aktuellen Forderungen seien viel zu wenig radikal, um wirklich etwas zu bewegen. «Es gibt noch enorm viel zu tun, vor allem auch von Seiten der Stadt. Da ist wenig Enthusiasmus für autofreie Plätze und Strassen spürbar.» Frust? Einerseits Ja, persönlich habe die Ratlosigkeit über die Jahre hinweg eher zugenommen. Es bedürfe schon jeweils einer gewissen Motivationsarbeit zum Frühstück oder beim Rasieren vor dem Spiegel, an eine wesentliche Veränderung zu glauben. Andererseits: «Ich hätte nach wie vor Lust, eine Initiative ’Biel autofrei’ zu lancieren.» So ist er der Mathias, im Sternzeichen «Zwilling» und daher wohl von Natur aus etwas ambivalent, wie er selbst schmunzelnd meint.

Nochmal zum grossen Sprung ansetzen? Mathias zögert. Seit dem Scheitern des Bieler Ernährungsrates ist er vorsichtiger geworden. Aber man spürt im Gespräch mit ihm trotzdem noch gut das Feuer, das jederzeit wieder ausbrechen kann.

Die politische Dimension nicht vergessen

Mathias selbst sieht sich als Geburtshelfer für transformative Projekte, in festen Strukturen halte er es nie lange aus. «Meine Rolle ist es, Dinge anzustossen und dann bald wieder zu gehen um Neues anzustossen.» Immer wieder betont er auch die politische Dimension seines Engagements. Er sei nicht derjenige, der es liebe, im Gemeinschaftsgarten das Unkraut zu jäten, er ziehe es vor, die politische Bedeutung und gesellschaftliche Wirkung eines solchen Gartens ins öffentliche Bewusstsein zu bringen. Ohne gesellschaftspolitischen Anspruch verkomme sozial-ökologisches Engagement zum individuellen Wohlfühl- und Wellnessprogramm.
Allerdings: auch Mathias ist der Wohlfühlaspekt wichtig. Er liebe sein Arbeitszimmer zu Hause, das gleichzeitig seine Küche ist, den Mikrokosmos der Genossenschaft an der Wasenstrasse. Er fokussiere sich heute auf Projekte, die das persönliche Lebensumfeld betreffen. Aber auch hier stösst er an: einen Gemeinschaftsgarten, einen Gemeinschaftsraum, die Innenhofbegrünung. Er liebe und suche diese Aufbruchstimmung, die um sich greift, wenn die richtigen Personen aufeinandertreffen und in einer inspirierten Diskussion ein neues Projekt entsteht.

Gleichzeitig ist Mathias aber auch über die Bauerngewerkschaft Uniterre im Rahmen politischer Projekte und Initiativen auf nationaler Ebene am Wirken. So von 2014 bis 2018 im Rahmen der Initiative zur Ernährungssouveränität, aktuell in der Kampagnenleitung des Stopp Palmöl Referendums und der bäuerlichen Basisarbeit für gerechte Preise und Arbeitsbedingungen. Die Schliessung der öffentlichen Märkte während des Lockdowns habe ihn im letzten Jahr u.a. auch wieder auf Biel zurückgeführt, so habe er sich für eine rasche Wiederöffnung der Wochenmärkte eingesetzt und damit auch Erfolg gehabt.

«Es ist alles so lieb geworden»

Beim Blick auf Biel und das bisher Erreichte aber vor allem auch auf die aktuelle Weltsituation sei ihm nicht zum Feiern zumute, so Mathias. Es fehle manchmal der notwendige Enthusiasmus, die Dinge anzupacken, und der Mut zum grossen Wurf. «Ich hatte natürlich grosse Ziele. Irgendwo sind wir steckengeblieben mit der Vision 2035.» Er habe Respekt vor dem, was alles geleistet wird, aber es brauche mehr davon und es brauche insbesondere den Mut zu politischem Engagement. Angesprochen auf die Zeitung der Vision 2035 flammt sein Feuer als Macher wieder auf, die Ideen sprudeln nur so aus ihm heraus; weniger Text, mehr Bilder und Luft, vielleicht sogar Filme auf der Onlineplattform, eine stärkere thematische Strukturierung… Es brauche eine Strategie für einen Sprung vorwärts, vielleicht sogar eine politische Initiative, um die Zeitung viel breiter ins öffentliche Bewusstsein zu holen. Manchmal müsse man auch Verrücktes wagen. «Es ist alles so lieb geworden, ich selber auch. Ich hätte gerne die Momente zurück, wo es mal wieder tätscht!»

Die Idee der Vision2035 war es, zu einer starken Bewegung zu werden. «Diesen Anspruch braucht es weiterhin», sagt Mathias. «Und es braucht ein kritisches Bewusstsein, die (neo-)
liberalen und rechtspopulistischen Tendenzen in der Gesellschaft – auch die eigenen – zu hinterfragen und zu bekämpfen.» Nur so sei das Ziel zu erreichen, gerade auch für die heute Benachteiligten und Ausgeschlossenen. «Es braucht ein breites Bündnis, wo man zusammen mit anderen Gruppierungen und Einzelpersonen eine gemeinsame Strategie entwickelt, Etappenziele festlegt und bespricht, was jeder ganz konkret dazu beitragen kann», überlegt er laut – und sieht die Vision 2035 mittendrin. «Das würde das Feuer neu entfachen.»

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