Ernährung

Die Realität sieht anders aus

Die Knospe ist sozial und fair, so steht es im Jahresbericht 2019 von Bio Suisse. Salome Günter, Geographie-Studentin an der Universität Bern, hat das im Rahmen ihrer Bachelorarbeit genauer untersucht und von Saisonarbeitenden auf einem Biobetrieb im Grossen Moos durchaus etwas anderes beschrieben bekommen. Unterwegs und selber mittendrin war sie mit der Forschungsfrage: Wie wirken sich die Arbeitsbedingungen im biologischen Gemüsebau auf die Lebensqualität der Saisonarbeitenden und Betriebsleiter im Grossen Moos aus?

Sozial und fair – ist Bio tatsächlich besser?

Besser für wen? Für die Konsumierenden, für die Saisonarbeitenden oder für die Natur? Dies ist die entscheidende Frage, denn Konsumierende meinen oft: «Ah eine Bio-Tomate, da ist alles super, alles nachhaltig». Die Nachhaltigkeit besteht jedoch aus drei Säulen, der ökonomischen, der ökologischen und der sozialen Nachhaltigkeit. Nur wenn alle drei berücksichtigt werden und langfristig in einem Gleichgewicht zueinander stehen, kann von Nachhaltigkeit gesprochen werden. Bio in der Schweiz ist ökologisch nachhaltiger als konventionelle Produktion, da ist sich die Forschung auch einig. Wirtschaftlich sind Bio-Produzent*innen minim bessergestellt, haben aber auch Mehraufwände. Bio Suisse spricht zwar von «sozial und fair», hat jedoch die gleichen sozialen Standards oder Anforderungen an ihre Produzent*innen wie konventionelle Betriebe sie kennen. Für die Menschen, die im Gemüsebau tätig sind, ist es egal, ob Bio oder nicht. Dies muss sich dringend ändern, nicht nur bei Bio und nicht nur im Gemüsebau, denn die Menschen stellen die Basis der Nahrungsmittelproduktion dar. 

Einer der migrantischen Feldarbeiter sagt gegenüber Dir: «Sie (die Schweizer) wollen gar nicht wissen, wie es hier ist.“ Und du sprichst von Wut bei den Landarbeiter*innen, was nährt diese? 

Ignoranz und zu wenig Wertschätzung der Konsumierenden gegenüber den Menschen, die im Gemüsebau oder allgemein in der Landwirtschaft tätig sind. Die Wut entsteht, weil sie wissen, dass nie oder selten eine Person aus der Schweizer Bevölkerung mit ihnen im Gemüsebau arbeitet. Die Saisonarbeitenden machen also einen Job, den viele von uns nicht zu diesen Arbeitsbedingungen machen würden. Sie verdienen zwar im Vergleich mehr als zu Hause, trotzdem gehen sie mindestens zehn Stunden pro Tag einer physisch anstrengenden Arbeit nach, und ihr Einkommen während der Saison muss oft auch für die Monate zu Hause ausreichen.  

Die Wut wird genährt, weil sie keine oder nur wenig Wertschätzung von uns bekommen. Ausserdem sehen sie die Privilegien, die viele von uns in der Schweiz haben, die sie nicht haben oder eben viel härter als wir dafür arbeiten müssen/wollen.

Eine junge Frau aus Osteuropa hat mir erzählt, dass, als sie im Dorfladen das Mehl nicht fand und auf Englisch danach fragte, die Verkäuferin so tat, als verstehe sie nichts. Dann sei der Mann der Verkäuferin dazugekommen und habe ihr auf Englisch gesagt, dass sie zumindest mal Französisch lernen solle. Sie habe dann geantwortet, dass sie Slovakisch, Polnisch, Russisch, Ungarisch und Englisch spreche, ob denn dies nicht genüge? 

Die junge Frau hat mir gesagt, dass die Schweizer Bevölkerung keine Ahnung hat, wer sie ist, dass ohne sie und ihre Kolleg*innen kein regionales Gemüse existieren würde. Wenn statt Dankbarkeit andere negativen Erfahrungen gemacht werden, dann frustriert dies und macht wütend.    

Du hast zwei Wochen auf dem Betrieb gearbeitet. Wie hat sich die Arbeitssituation auf dich ausgewirkt?

Ich war jeden Abend kaputt, habe noch den Tag für meine Bachelorarbeit transkribiert, gegessen und bin dann ins Bett. Einmal musste ich fünf Stunden Salat setzen und am Nachmittag fünf Stunden auf allen Vieren jäten. Die Hitze aber vor allem die monotone Arbeitshaltung waren gegen Ende des Tages schwer zu ertragen, die Zeit ging langsam vorbei. Da jedoch alle im selben Boot sitzen, wird es erträglicher. Ausserdem hatte ich das Privileg, nach zwei Wochen wieder gehen zu können. Ich glaube, wenn man sich den eigenen Privilegien bewusst wird, dann ist es zwar anstrengend aber im Moment ganz okay. Sehr schwierig fand ich jedoch, das Gehirn auszuschalten und einfach so schnell und so gut wie möglich zu arbeiten.

Der Begriff der Entankerung bezeichnet vielfach die Situation der migrantischen Arbeiter*innen. Wie stark hat dich das beschäftigt?

Nicht sehr, da in einer globalisierten Welt sehr viele, wenn nicht die Mehrheit der Menschen, eine entankerte Lebensform führen. Traditionen spielen nicht mehr so eine wichtige Rolle wie noch vor 100 Jahren, viele Menschen migrieren oder leben ein transnationales Leben. Vielmehr habe ich enormen Respekt für das, was sie und die Betriebsleitenden täglich tun. Ich kann es teilweise bis heute nicht verstehen, wie sie diese Arbeitsbedingungen aushalten können. Das beschäftigt mich sehr.

Die Entankerung respektive die Sehnsucht nach einer Wiederverankerung in der Heimat, oder bei jüngeren Person auch in der Schweiz, ist gross. Die Menschen mit denen ich gesprochen habe, kommen oft des Geldes wegen in die Schweiz. Die Menschen arbeiten hart, weil sie einen grossen Motivator haben: das Geld. Mit diesem renovieren sie das Haus, finanzieren das Studium, zahlen die Operation des Vaters oder wollen damit ihre Träume realisieren. Sie leben im Hier und Jetzt, leiden teilweise unter den Arbeitsbedingungen, aber denken an das Geld und dessen Investition.

Ich frage mich bis heute: Lohnt es sich, die Heimat und die Familie zu verlassen um einer sehr zeitintensiven Arbeit in einer anderen Kultur nachzugehen, «nur» um Geld zu haben? Denn die Familie, insbesondere die Kinder und/oder die Eltern, sind für alle Saisonarbeitenden äusserst wichtig. Die Liebsten zu Hause geben ihnen über Social Media und Handy das Gefühl von Heimat und Nähe. Die physische Distanz wird durch die Technologie verkleinert, sodass sich plötzlich das Torte essen am Geburtstag der Mutter ganz nah anfühlt. Das Smartphone mit Internet ist deshalb ein ständiger Begleiter. In der Pause schaut eine junge Frau ihrem zweimonatigen Sohn beim Schlafen zu, ein Mann telefoniert mit seiner Frau und andere skypen mit der Mutter. Diese Distanz zur Heimat beeinflusst die Lebensqualität der Menschen zwar negativ, jedoch gerade für die jüngeren Saisonarbeitenden bietet diese Entfernung auch eine gewisse Freiheit. 

Du sprichst in deiner Arbeit auch von neokolonialen Strukturen, kannst Du das näher erklären? 

Die Schweiz ist auf die ausländischen Arbeitskräfte angewiesen, deshalb werden die Arbeitsregulationen mit den jeweiligen Staaten aufrechterhalten. Die Menschen die hier arbeiten, fehlen in der Heimat, sie fehlen in Systemen, die oft unstabil sind und sicher nicht stabiler werden, wenn die Menschen migrieren. 

Wir von Uniterre setzen uns neben der wirtschaftlichen auch für die ökologische und soziale Nachhaltigkeit ein. Was hast Du in dieser Hinsicht festgestellt und welche Massnahmen müssen dringend ergriffen werden, gerade um die Situation der Feldarbeiter*innen zu verbessern?

Um die Nahrungsmittelproduktion in Zukunft zu gewährleisten, muss zwingend die soziale Nachhaltigkeit gesteigert werden. Die Wissenschaft muss die Forschungslücke schliessen. Die Forschenden müssen den Anspruch haben, dass ihre Erkenntnisse nicht in der Akademie verstauben, sondern mit diesen aktiv die Gesellschaft sensibilisiert wird. Die Werbung der Detailhändler spielt da eine wichtige Rolle. Oft wird darin eine Schweizer Familie in Harmonie auf einem schönen Hof gezeigt, doch die Realität sieht anders aus. Familienbetriebe sterben langsam aus und ausländische Arbeitskräfte werden angestellt. Diese werden aber in den Werbungen komplett ignoriert. Wie soll unter solchen Bedingungen die Bevölkerung die Realität erfahren? Erst wenn die Gesellschaft über die Arbeitsbedingungen und über die Geschichten der Menschen in der Landwirtschaft aufgeklärt ist, kann sie etwas verändern. Die Gesellschaft, also wir Konsumierende, haben Macht und können Druck auf die Politik ausüben, damit sich nachhaltig etwas verändert – für die Saisonarbeitenden wie auch für die Schweizer Betriebsleitenden.

Dieses Interview hat Mathias Stalder, Sekretär der Bauerngewerkschaft Uniterre, für die Uniterre-Zeitung realisiert. Es erscheint in der Vision 2035 als Vorabdruck.

Uniterre

Die Bauerngewerkschaft für eine nachhaltige Landwirtschaft trägt unter anderem das Referendum gegen das Freihandelsabkommen mit Indonesien mit - bekannt unter dem Namen "Stop Palmöl".

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