Brennpunkte Bieler Perlen Urbanismus

Das Gebiet auf eigene Faust entwickeln

Die Überbauung des ehemaligen Expo Areals am Bielersee erscheint auf den ersten Blick sinnvoll. Bei genauerer Betrachtung wird klar, dass mit einer kreativ genutzten Freifläche ein weitaus grösserer Mehrwert erzielt würde als mit einem überdimensionierten Bauvorhaben. Der Verein Kulturschutzgebiet will ein solch ganzjährig funktionierendes, kreatives Entwicklungsgebiet wahr werden lassen.

Wie erkläre ich einem Kind den Wert von Freiraum? Ich erzähle ihm ganz einfach, was alles Spannendes darauf entstehen könnte. Eine lange Rutschbahn zum Beispiel oder Hochbeete voller Blumen, ganz verschiedene, mit verschiedenen Farben, zwischen denen Bienen umherfliegen und summen und landen und Nahrung finden, um damit Honig zu produzieren, den wir beim Morgenessen auf unser Brot streichen können. Für Kinder sind derlei Gedanken naheliegend. Denn Kinder füllen freien Raum von sich aus mit ihren Lieblings-Phantasien. Für Kinder hat Freiraum einen hohen Stellenwert.

Die Wirtschaft

Und wie sieht es bei uns Erwachsenen aus? Der Begriff Freiraum ist für uns, die sich gewohnt sind, alles durch die dickwandige Brille der Vernunft zu betrachten, mit Unsicherheit belegt. Wir haben Angst, es später zu bereuen, wenn wir das Zürcher Investoren-Geld nicht annehmen. Väterchen Staat und die netten Bauherren der Firma „Mobimo“befeuern diese Sorge und teilen uns in schwungvollen, hypnotisch anmutenden Gesten mit, dass nur die Kapitalisierung von Freiraum unser aller Menschen heil bringe. Sie verschweigen, dass sie einzig wissen, wie mit der grossen Kelle hantieren. Kleine Kochlöffel vermögen sie nicht zu schwingen. Sie behaupten ganz einfach, dass es mit den kleinen Kochlöffeln nicht funktionieren würde. Aber das sagen sie nur, weil sie sich gewohnt sind, Buffets für grosse Gesellschaften anzurichten und die Kunst des feinen Menüs nicht beherrschen.

Das Kulturschutzgebiet als im Herbst 2019 lancierte Alternative ist derweil wie ein Festmahl mit regionalen Spezialitäten, und es bietet profitable Lösungen auf verschiedenen Ebenen. Mit einem Kulturschutzgebiet investieren wir in unsere Zukunft und die unserer Kinder, die vielleicht mal in dieser Region leben. Und das allein ist Motivation genug, das Gebiet auf eigene Faust zu entwickeln. Ein Kulturschutzgebiet, das von allen interessierten Menschen getragen wird, zum Beispiel über Mieterträge, Zuwendungen, Spenden, Stiftungen und Crowdfunding-Kampagnen, ist finanziell breiter abgestützt, als wenn die netten Bauherren aus Zürich kommen und mit Bündeln von Geld wedeln. Sie behaupten zwar, den Tisch für uns alle zu decken. In Tat und Wahrheit kochen sie aber nur für sich und ihre Gäste.

Der soziale Zusammenhalt

Vor allem aber etwas Entscheidendes kann eine Gross-Überbauung nicht: sozialen Zusammenhalt. Sozialer Zusammenhalt entsteht nicht, wenn ein paar Gutbetuchte oberhalb des gemeinen Fussvolks residieren, dass sich gefälligst ob des kurzgeschnittenen Rasens zwischen achtstöckigen Gebäuden erfreuen soll.

Sozialer Zusammenhalt fusst darauf, wie wir als Gemeinschaft den öffentlichen Raum bespielen. Wir glauben, dass Freiraum wie ein Vakuum Dinge, Menschen und Projekte anzieht. Landesweit haben das zahllose Nutzungen von Freiflächen bewiesen. Das Gurzelen-Projekt in Biel ist ein hervorragendes Beispiel, ebenso das famose Dreispitz-Projekt in Basel. Menschen wollen sich verwirklichen, und sie verfügen über eine aussergewöhnliche Veranlagung zur Kooperation. Diese Fähigkeiten auf dem Kulturschutzgebiet zu nutzen, ist eine Chance, die neuen Elan in unsere Region bringt, so wie damals zu Zeiten der Expo 02, als wir uns alle in Aufbruchstimmung befanden.

Die innert kurzer Zeit auf der Website des Kulturschutzgebiets von verschiedenen Menschen eingereichten Ideen und Vorschläge sind vielfältiger und spannender als jede abgesteckte Bauparzelle. Sie erzählen vom unbändigen Drang, sich zu verwirklichen. Realitätsfernes trifft auf Praktisches, Ungehobeltes auf Austariertes. Da ist zum Beispiel die Idee einer Jurtensauna, von der man direkt in den See springen kann. Oder ein wöchentlicher Markt mit Gemüse, welches auf dem Kulturschutzgebiet herangezogen wurde. Wie wär’s mit einer offenen Werkstatt, in der Alltagsgegenstände selber repariert werden können oder einem Open Working Space mit einer kleinen Caféteria?

Wir kehren nochmal zurück zu den Bienen am Anfang der Geschichte. Man stelle sich vor, wie der Imker auf dem Kulturschutzgebiet den Kindern der benachbarten Kita erklärt, wie diese emsigen, summenden Insekten auf unsere Nahrungskette einwirken. Der anschliessende Spaziergang führt die Kinder vorbei am Co-Working Space hin zum Urban-Gardening Projekt, welches Gemüse für das opulente Menu des veganen Restaurants liefert, dessen Bio-Abfälle wiederum als Kompost in den Garten zurückfliessen. Ein schönes Bild, oder?

Die Ökologie

Die netten Bauherren aus Zürich verschweigen, dass die Wertschöpfung der Freifläche am Bielersee während hundert Jahren von ihnen abgezapft wird. So sieht es der Vertrag vor. Um dies zu verschleiern, wird das Projekt mittels eines 2000-Watt Vorhabens ökologisch schöngefärbt. Dabei wird geflissentlich übergangen, dass das Bebauen von öffentlichen Freiflächen mit hunderten von Wohnungen niemals ökologisch sein kann. 

Dies bedeutet nicht, dass auf dem Kulturschutzgebiet unter keinen Umständen gebaut werden darf. Es sollte aber nur in einem Rahmen geschehen, der die aktuellen Bedürfnisse abdeckt. Alles andere wäre gleichbedeutend mit der Verschwendung von Ressourcen, und das ist nun wirklich nicht, was es in der heutigen Zeit der Ressourcenknappheit braucht.

Die Aufgabe des Kulturschutzgebiets ist es, andere Wege aufzuzeigen. Wenn die Holzfachschule auf dem Kulturschutzgebiet neue Bauweisen ohne chemische Verbundstoffe aus nachhaltig gewachsenem Holz testet und dabei vielleicht den Grundstein für eine mobile Markthalle legt, dann ist dies nachhaltig, technologisch fortschrittlich und bringt zugleich Mehrwert für eine ganze Region. Wenn auf dem Kulturschutzgebiet eine Kreislaufwirtschaft entsteht, bei der Waren und Dienstleistungen unter den verschiedenen Projekten ausgetauscht werden, dient dies dem Bewusstsein für nachhaltige Kooperation.

Wir dürfen Freiraum ruhig mit Kinderaugen betrachten. Mit den Augen eines neugierigen Kindes, das Freiraum als einen Baukasten voller Möglichkeiten sieht. Wir sollten Vertrauen, dass sich das Kulturschutzgebiet mit kulturellen, sozialen, sportlichen, kulinarischen und ökologischen Projekten bespielen lässt und dabei sogar noch wirtschaftlich funktioniert. Was auf verschiedenen Ebenen Wertschöpfung für eine ganze Region bedeutet. Investieren wir also in das Kulturschutzgebiet bevor wir die Zukunft verscherbeln.


Manuel Stöcker
lebt in Biel und arbeitet freischaffend als Betriebsökonom. Er beschäftigt sich mit Organisationen und Projekten, die er möglichst nachhaltig ausrichtet. Für das Kulturschutzgebiet ist er in der Projektleitung tätig.

Illustration: Michel Angele

Verein Kulturschutzgebiet – gegründet im Herbst 2019

Ziel: Die Verwirklichung des Kulturschutzgebiets, ein ganzjährig funktionierendes, kreatives Entwicklungsgebiet auf dem Gelände der ehemaligen Expo 02, auf dem verschiedene Wohn- und Arbeitsformern, Pup-up Bars und Restaurants, Sportangebote, Vernetzungs- und Integrationsprojekte, Kunst- und Kulturproekte getestet und umgesetzt werden. Bisherige Aktionen und Outputs: Einholen von Ideen und Vorschlägen für das Gebiet über die Website Information der Bevölkerung über das Kulturschutzgebiet via Website, Facebook, Insta und Twitter Pressekonferenz Ein Workshop mit interessierten Menschen zur Ideensammlung, weitere werden folgen.

Agglolac – Ist mehr denn wirklich mehr? >>
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