Transition

Der Homo Oeconomicus – Ich konsumiere, also bin ich!

Wie kommt Konsum zu Stande? Wie kann ich ein System beeinflussen, dass seit Jahrtausenden in der Gesellschaft etabliert ist? Wie schaffen wir die Transition von der Markt- in die Sozialökonomie?

Im Obergeschoss des Kosmos, einem alternativen Restaurant/Bücherladen/Kino an der Zürcher Europaallee, habe ich kürzlich folgende Beobachtung gemacht: Wir sitzen bei Kaffee und Kuchen im Bücherladen, neben uns eine Mutter mit ihrer vierjährigen Tochter. Die Kleine ist sprichwörtlich in einem Haufen Kinderbücher versunken. Plötzlich meint die Mutter zu ihrer Tochter «…du Noëmi, Julie hat morgen Geburtstag. Möchtest du ihr ein schönes Buch kaufen?». Die Tochter überlegt und meint: «Etwas mit Rittern» … «Julie liebt Prinzessinnen, nicht Ritter» die Antwort der Mutter. Noëmi insistiert «Ritter!» … «Nein, Julie steht auf Prinzessinnen … (Pause) … oder vielleicht etwas mit Astronauten. Was meinst du?». Die Tochter sieht ihre Mutter fragend an. Diese hat sich vor die Kinderbücherwand gestellt und browst durch die bunten Bücher. «Da schau, ein Astronautenbuch».

Zu dem Zeitpunkt frage ich mich, was wohl in dem Mädchenhirn für ein Film abläuft. In der letzten halben Minute hat sie vom Geburtstagsfest des Nachbarmädchens erfahren, wurde nach ihrer Meinung gefragt, diese wurde deutlich abgelehnt und jetzt soll Julie ein Astronauten-Buch geschenkt bekommen. Die kleine Noëmi neben uns auf dem viel zu grossen Sofa macht mir einen irritierten Eindruck. Dafür ist jetzt keine Zeit. Die Mutter hat sich mit dem Buch über Astronauten vor Noëmi aufgestellt und streckt es ihr stolz hin. Die Kleine, mit dem neuen Input konfrontiert, nimmt das Buch und will es sich ansehen. Das Buch ist mit Plastikfolie eingeschweisst. Noëmi will die Folie abreissen um Einsicht in das Buch zu erhalten. «Stopp, das darfst du nicht!» die Mutter. Ab hier: Filmriss bei der Tochter. Ich stelle innerlich den Ticker und… 3, 2, 1… Tränen fliessen, und die gute Mutter denkt laut, dass ihre Tochter jetzt doch langsam müde sei. Oje!

Arno Stern, Pädagoge und Gründer der Académie du Jeudi in Paris, formuliert auf eindrückliche Weise, dass Menschen bei ihrer Geburt «fertig» zur Welt kommen. Nicht nur das Genmaterial für die äussere Erscheinung, das ganze Wesen des Menschen ist vollkommen und durch die Evolution «geprüft». Diejenigen unter uns die Eltern mehrerer Kinder sind oder Geschwister haben, sind sich einig, dass sich jeder Mensch deutlich von seinen Geschwistern unterscheidet, jedes menschliche Wesen somit eine gewisse Einzigartigkeit besitzt.

Erziehung, Schule und Einflüsse der Gesellschaft werden diese Einzigartigkeit sukzessive abtrainieren und durch akzeptierte, konforme Verhaltensmuster austauschen. Kinder kopieren, was sie vorgelebt bekommen, werden zunehmend unsicher, weil das «äussere Bild» mit dem inneren nicht übereinstimmt. Das Urvertrauen in das Selbst geht mitunter gar verloren.

Noëmi aus dem Bücherladen wurde von ihrer Mutter in diesem Moment schlicht nicht wahrgenommen. Die Kleine wird es schwer haben, ihr einzigartiges Bewusstsein zu entfalten. Drei ganz wichtige Worte habe ich hingeschrieben und ich bin mir nicht sicher, ob Sie Lesende diese soeben überlesen haben. Noëmi wurde nicht WAHR genommen, wird es schwer haben ihr BEWUSSTsein zu ENTFALTEN. Stattdessen hat sie gelernt, dass ihre eigene Sicht auf die Welt nicht jener der Erwachsenen entspricht. Und wir können davon ausgehen, dass sich Noëmi in diesem Moment ein «neues» Verhaltensmuster antrainiert, um ihrer geliebten Mutter zu gefallen.

Was hat denn das jetzt mit Konsum zu tun?

Wer sich aufopfert, darf sich belohnen – und zwar richtig!

 «Du bist gut in Mathe, also hast du ein logisches Verständnis und kannst gut mit Menschen – aus dir wird ein Arzt!». Oder: «…du bist flink mit Hammer und Säge, die Mathematik lassen wir wohl lieber bleiben – aus dir wird ein Sanitärinstallateur!».

Wir dürfen nicht vergessen, dass wir alle in einem System nach westlich industriellen Idealen aufwachsen. Das heisst, dass wir als «Zahnrad» unseren Platz im grossen Räderwerk der Marktökonomie (Angebot und Nachfrage) suchen müssen, um uns zu integrieren. Das Wort «Zufall» ist demnach seit nahezu 300 Jahren ein Schimpfwort …wir überlassen nichts dem Zufall! Als Individuum darf mir nichts zufallen, meine Intuition wird auf „stumm“ geschaltet. Was bleibt? Mir werden Möglichkeiten angeboten, aus denen ich einen Lebensentwurf zusammenstellen darf. Ohne meine Herzensangelegenheiten falle ich peu à peu in eine aufopfernde Rolle, aus der ich mich mit Belohnungen für kurze Zeit retten kann. Unser System richtet sich nach der Marktwirtschaft und fordert zuverlässig über Politik, Verbände, Institutionen und Schulen ein, was der Markt fordert.

Drei Kräfte prägen unsere Persönlichkeitsentwicklung: das Elternhaus durch Ideale und Kultur, die Schule durch Bewertung und Benotung und schliesslich eine Lehre oder das Studium mit Norm-Vorgaben. Wenn ich alle Anforderungen an mich erfolgreich «überstanden» habe, darf ich mich aus dem reichen Angebot der Konsum-Gesellschaft belohnen. Jetzt kaufe ich mir mit dem Gute-Noten-Taschengeld, Lehrlingslohn oder Bonus die lang ersehnte Playstation, ziehe mir das bunte Kleid über, das die Werbung so schön angepriesen hat, und lease mir die Harley Davidson aus dem Schaufenster. Damit befahre an schönen Sommertagen die Pässe der Schweiz. Schliesslich bin ich meiner Um-Welt Rechenschaft schuldig und zeige mit meinem Konsumverhalten, dass ich es geschafft habe, ein vollwertiges Mitglied zu sein. Da unterscheiden sich 3er-BMW-Enthusiast und Biomüesli-Geniesser leider nicht. Status bleibt Status. Macht das Sinn?

Fact ist: wir sind alle Konsumenten – «no blaming please»!

Wenn von Konsum-Gesellschaft die Rede ist, ist die Frage nach den Schuldigen nicht weit. Wo ist das Böse, das uns hinterrücks zum Konsumieren verleitet? Ich glaube die Suche nach dem Schuldigen ist überflüssig. Oder: wir sind alle schuld! Bereits unter römischer Herrschaft liess sich das Volk durch Brot und Spiele verleiten. Der römische Kaiser «schenkte» seiner Stadtbevölkerung Getreide für Brot und organisierte aufwändige Schauspiele im Kolosseum und Theater, im Gegenzug hielt sich das Volk still und liess die Launen des Kaisers gewähren. Kommt uns das bekannt vor? Wir sind Konsumenten, basta!

Jeremy Rifkin, Wirtschafts-Ökonom an der Universität von Pennsylvania erklärt uns die zwei Wirtschaftssysteme, die bereits nebeneinander koexistieren. Die alte Markt-Wirtschaft, die auf Angebot und Nachfrage setzt, und die neue Sozial-Wirtschaft, die vorhandene Ressourcen teilt, Neudeutsch für Sharing Economy. Ein Geschenk der Milleniums-Generation, das uns wahrscheinlich in die Zukunft retten wird. Diese jungen Menschen sind nicht mehr interessiert, ein Automobil, geschweige mehrere zu besitzen. Sie wollen schlicht mobil sein und sind durchaus bereit, zu teilen. Rifkin spricht von einer Revolution. Jedes «geteilte» Fahrzeug spart 17 Neuwagen! Die spannende Frage ist, wie wir soziale Ökonomie fördern können?

Fact ist, die Spitze der Wirtschaftsentwicklung wurde Ende der 1970er Jahre erreicht. Seither wird das globale Wachstum umverteilt und tut so, als würde es weiterwachsen wollen. Reguliert wird es mit dem Rohölpreis, der Herstellung von Devisen aufgrund von ominösen Kreditvergaben sowie Börsenspekulation. Alle diese Regulatoren – Rohölhandel, Devisen und Spekulation – liegen im Sterben. Wann sie sterben, liegt an uns. Denn die neue Ökonomie wartet darauf, gelebt zu werden.

Ein Grundrecht auf Lohn erspart viel ökologische Dummheiten

Hier drei Gedanken zur bewussten (Konsum)-Veränderung: Erstens: Ein garantiertes Grundeinkommen: Eine Gesellschaft, die FREI wählen darf, was sie «schaffen» will, ist eine entspannte, sinnstiftende und zutiefst gesunde Gesellschaft. Alle, die sich Fragen, wie sich das finanzieren lässt, lesen am besten Christoph Pflugers «Das nächste Geld». Geld ist nur eine Idee!

Zweitens: Recht auf freie Bildung: Jedes Kind darf seine «Schule» frei wählen. Wir leben im 21. Jahrhundert! Alles was ich zu einer Problemstellung wissen muss, kann ich mir online suchen. Alle die immer noch der Meinung sind, der Satz von Pythagoras gehöre zur Grundbildung, frage ich hier ernsthaft: Wo haben Sie diesen zum letzten Mal wirklich angewendet?

Und drittens: Denke global, handle lokal. Fragen?

Zurück im Obergeschoss des Kosmos an der Zürcher Europaallee. Neben uns eine Mutter mit ihrer vierjährigen Tochter. Plötzlich meint die Mutter zu ihrer Tochter «…du Noëmi, Julie hat morgen Geburtstag. Wollen wir ihr etwas Schönes kaufen?». Die Tochter überlegt und findet: «Etwas mit Rittern.» … «Ritter? Wow! Steht Julie auf Ritter? «Darf ich ihr mein Büchlein vom Ritter Stegreif schenken, das brauche ich nicht mehr?» … «Okhey – Wollen wir es ihr schön einpacken? Dort drüben gibt es Geschenkpapiere…» Noëmi ist schon aufgesprungen und macht sich hinter die Papierbogen. Die Mutter beobachtet gespannt und freut sich über das Engagement ihrer Tochter … und wird am nächsten Tag vielleicht positiv überrascht, wie Noëmi bei Julie mit ihrem Buch über Ritter Stegreif ins Schwarze getroffen hat.

Martin Albisetti schreibt regelmässig für die Vision2035

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