Bieler Perlen Mobilität Transition

Der Velomech, der sein Werkzeug gerne teilt

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Antoine Galli ist keiner, der bloss über Transition redet. Er lebt den Wandel. Der gelernte Velomechaniker hat sich kürzlich von einem gut bezahlten Job losgesagt und auf dem Terrain Gurzelen in Biel seine eigene Werkstatt eingerichtet. Dort geht es nicht mehr um Verkaufszahlen, sondern um Selbstermächtigung. Galli will nämlich vor allem eines: die Leute dazu ermuntern, an ihrem Drahtesel wieder mehr selbst Hand anzulegen. Diesen Samstag lädt er zur Einweihung von À Bicyclette.  

Antoine Galli ist ein richtiger Handwerker. Das merkt schon bei der Begrüssung, wer ihm die Hand hinstreckt. Er gibt einem seine von Kettenöl geschwärzte ohne zu zögern. Er steht dazu, das gehört zu seinem Beruf. Und noch etwas fällt auf, wenn er einem ganz oben auf der Westtribüne des alten Gurzelenstadions empfängt, wo er sich in und um die Baracke des ehemals dort ansässigen mute-Radios eingerichtet hat. Er lässt sich zwar wie jeder Velomech als erstes erklären, worum es geht, was das aktuelle Problem des mitgebrachten Zweirads ist. Dann aber kommt schon gleich die Frage: „Willst du es selber lösen, hast du vielleicht grad Zeit? Oder morgen?“ Das kommt so einladend daher, dass manch einer denkt: warum eigentlich nicht. „Ich hab zum Beispiel zwei Ingenieure, die bei Uhrenfirmen den ganzen Tag im Büro arbeiten, und die jetzt hier bei mir ihr Velo reparieren kommen“, erzählt er stolz. 

Antoine Galli hat für solche Fälle extra einen Gast-Werkplatz mit Ständer und allem drum herum eingerichtet. Bei schönem Wetter können draussen auf der Terrasse gar gleich drei Selbstermächtigte parallel an ihren Drahteseln schrauben und ölen. Es kommt durchaus vor. Der Velomech geht dann von Kunde zu Kunde und bietet Hilfe zur Selbsthilfe, leitet an, wo nötig, gibt Tipps, zeigt Tricks. „Ich möchte einfach, dass die Leute wieder zum Handwerk kommen“, erklärt er.

Was ihm widerstrebt ist das ständige Streben nach Umsatz. Das hat ihn an seinem bisherigen Arbeitsort gestört. „Wenn für eine Stunde Reparaturarbeit am Velo Fr. 120.– berechnet werden, dann stimmt doch etwas nicht“, sagt er. „Dieses ganze System, das darauf ausgerichtet ist, das man sich letztlich eher ein neues Velo kauft, statt sein altes wieder in Schwung bringen zu lassen, gefiel mir nicht.“ Der Schritt in die Selbstständigkeit war die logische Konsequenz. „Jetzt bin ich frei und kann eigene faire Preise anbieten“ – und zudem den Kunden eben die Möglichkeit, selbst das Werkzeug in die Hand zu nehmen. Das war Gallis zweite wichtige Motivation, sich von seiner Festanstellung loszusagen. Denn wenn er Velos von Jungs auf dem Ständer hatte, die in der Zeit, in der er ihnen für Fr. 40.– das Loch im Schlauch reparierte – finanziert von den Eltern – sich zu Hause zum Gamen vor den Computer setzten, dann tat ihm das Leid, wie er erzählt: „Jeder kann so ein Loch flicken. Und diese Jungs hätten Zeit gehabt.“ 

Übrigens: die normalen Auftragsarbeiten gehen Antoine Galli wegen dieser Sache mit der Hilfe zur Selbsthilfe keineswegs aus. Und er versteht solche Kunden gut, die die Reparaturarbeiten lieber ihm überlassen, wie der Velokurier zum Beispiel, der nicht auch noch in der Freizeit etwas mit seinem Velo zu tun haben möchte. Dennoch spürt man gut: zufrieden machen den Velomech vor allem jene Momente, wo jemand bei ihm sein handwerkliches Potential entdeckt und stolz mit dem selbst geflickten Fahrrad nach Hause fährt. Es werden wohl noch Manche in den kommenden Monaten diese Glücksgefühle erleben – dort oben auf der Westtribüne des alten Gurzelenstadions, einem der wegen seiner Übersicht definitiv schönsten Outdoorarbeitsplätze der Stadt. Galli sagt: „Es ist der perfekte Platz für mich. Hier mein eigenes Unternehmen starten zu können, ist eine riesen Chance für mich, da ich wenig Fixkosten habe.“ Terrain Gurzelen sei Dank.

Janosch Szabo ist Mitherausgeber der Vision 2035 und selbst begeisterter Velofahrer. Er hat kürzlich bei Antoine Galli auf der Gurzelen seit Langem mal wieder selbst einen Veloschlauch geflickt. 

Atelier À Bicyclette

Die Werkstatt von Antoine Galli auf dem Terrain Gurzelen feiert diesen Samstag 27. April von 10 - 17 Uhr offizielle Einweihung.

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