Ernährung

„Niemand will in ein System investieren, das unsere Lebensgrundlagen kaputt macht“

„Begonnen hat alles mit einer Kuh auf einer Weide, die über Stunden erbärmlich schrie“, sagt Franziska Herren, Initiantin der sogenannten Trinkwasser-Initiative, zum Kickoff ihres Engagements. Im Interview erklärt sie, was es damit auf sich hat, wie die konventionelle Landwirtschaft Umwelt und Gewässer vergiftet, und dass wir alle mit unseren Steuergeldern diese Umweltsünden mitfinanzieren. Genau das will die Initiative, über die wir voraussichtlich im Mai 2020 abstimmen werden, künftig verhindern. Als nächstes steht eine Plakataktion am 19. + 20. Juli in Bern an (siehe Infobox am Schluss).

Frau Herren, Sie sind nicht im politischen Tagesgeschäft tätig. Was hat Sie dazu bewogen, als Privatperson die Trinkwasserinitiative zu lancieren?

Begonnen hat alles mit einer Kuh auf einer Weide, die über Stunden erbärmlich schrie. Als ich den Bauern nach dem Grund fragte, erklärte er mir, man habe ihr soeben das Kalb weggenommen. Für mich war das ein Auslöser, um mehr über die Schweizer Milchwirtschaft zu recherchieren. Das Ganze war ein Augenöffner. Denn ich dachte bis dahin immer, dass ich gut informiert bin über die Lebensmittelproduktion in der Schweiz, und dass unsere Produkte im Allgemeinen hochwertig und nachhaltig produziert werden. Je mehr ich recherchierte und das Gespräch mit Experten suchte, desto mehr wurde ich mit einer ganz anderen Realität konfrontiert. Und mir wurde klar, dass ich, auch wenn ich biologisch und nachhaltig einkaufe, den Grossteil meines Geldes in Form von Steuergeldern in die konventionelle Landwirtschaft «investiere», die über den intensiven Einsatz von Antibiotika, Pestiziden und viel zu viel Gülle das Wasser und damit die Umwelt als Ganzes vergiftet.

Gibt es in der Schweiz denn keine Gesetze, die solche Praktiken verbieten?

Doch die gibt es. Die gesetzlichen Grundlagen für den Gewässerschutz wären eigentlich gut. Das Problem ist die Umsetzung. Denn leider gelten die Gesetze nur sehr beschränkt für die Landwirtschaft, die in Bezug auf die Wassernutzung einer der ganz grossen Player ist. Es ist die einzige Branche, die direkt und legal Gifte in die Umwelt bringen darf. Dementsprechend fordert die Trinkwasserinitiative auch nicht ein neues Gesetz. Sie will lediglich strenge Auflagen zum Beziehen von Direktzahlungen: Steuergelder, die in die Landwirtschaft fliessen, sollen künftig die Erhaltung der Lebensgrundlagen fördern und nicht deren Zerstörung.  

Was heisst das konkret?

Die Initiative verlangt, dass nur noch diejenigen Landwirtschaftsbetriebe mit Direktzahlungen oder Subventionen unterstützt werden, die keine Pestizide einsetzen, die in ihrer Tierhaltung ohne prophylaktischen Antibiotikaeinsatz auskommen und die nur so viele Tiere halten, wie sie ohne Futtermittelimporte ernähren können. Ziel ist es, dass nachhaltig produzierte Lebensmittel wieder zum Standard und damit auch für alle erschwinglich werden.

Können Sie noch etwas mehr sagen zu den drei genannten Hauptproblemen, die unser Trinkwasser und die Umwelt allgemein belasten?

Ja, da ist einerseits der Antibiotikaeinsatz in der Nutztierhaltung: Heute werden in der Schweiz pro Jahr rund 38 Tonnen Antibiotika in der Tierhaltung eingesetzt – und das vor allem prophylaktisch, damit die durch Massenhaltung oft geschwächten und überzüchteten Tiere nicht krank werden. Die Folge davon sind antibiotikaresistente Bakterien, die laut der eidgenössischen Fachkommission für Biologische Sicherheit zu den grössten Gesundheitsrisiken gehören. Eine ETH-Studie von 2012 zeigt auf, dass inzwischen jeder dritte Fluss mit antibiotikaresistenten Bakterien kontaminiert ist und ein eindeutiger Zusammenhang mit der Massentierhaltung besteht. 

Das zweite Problem sind die Futtermittelimporte: 50 Prozent des Schweizer Fleisches und 70 Prozent der Schweizer Eier und Poulets werden mit Importfutter hergestellt. Seit 1996 ist die Einfuhr der Futtermittel von 263’000 Tonnen auf 1,1 Millionen Tonnen jährlich angestiegen. Das heisst, es können viel mehr Tiere gefüttert werden als unsere Böden eigentlich vertragen. Mit der Folge, dass viel zu grosse Mengen Ammoniak und Gülle in den Böden versickern. Das wiederum führt dazu, dass die Biodiversität immer weiter abnimmt.

Und schliesslich ist da der gewaltige Pestizideinsatz. Bei uns werden jährlich über 2000 Tonnen Pestizide versprüht – das ist pro Hektare mehr als in den meisten umliegenden Ländern. Ein massgeblicher Teil davon gelangt ins Wasser. Auf dem Weg dorthin töten die Pestizide nicht nur Schädlinge, sondern auch nützlichste Kleinlebewesen, Bienen, Insekten und Pflanzen, die für die Bodenqualität, die Biodiversität und die Umwelt enorm wichtig sind. Unsere Wasserqualität hängt direkt von intakten und belebten Böden ab, denn sie sind die wirksamsten Filter fürs Trinkwasser. Eine soeben erschienene Studie zeigt, dass auch 98 Prozent der Bio-Böden in der Schweiz kontaminiert sind. Trotzdem hat der Bundesrat die gesetzlichen Grenzwerte vieler Pestizide weiter erhöht.

In dem Fall ist die Landwirtschaft der Hauptgrund für die Trinkwasserverschmutzung?

Die Landwirtschaft trägt sicher eine massgebliche Verantwortung. Doch es wäre zu kurz gegriffen, einfach den Bäuerinnen und Bauern die Schuld zuzuschieben. Schuld ist das ganze agroindustrielle System, das dahintersteckt und das auch die Bäuerinnen und Bauern unter Druck setzt. Heute wird Landwirtschaft nach einer industriellen Logik betrieben mit dem Hauptziel, möglichst viel aus Tieren und Boden herauszuholen. Dafür setzt sich ja auch der Bundesrat mit seiner Landwirtschaftspolitik ein, um die Schweizer Bäuerinnen und Bauern gegenüber dem Ausland «konkurrenzfähig» zu machen. Grosskonzerne wie Syngenta und die Fenaco beliefern die Bäuerinnen und Bauern mit Paketen aus Saatgut, Pestiziden und Düngemitteln. Das sind dann so richtige «All in One»-Lösungen, bei denen es nicht mehr viel Wissen braucht bezüglich der natürlichen Zusammenhänge. Der Boden wird nicht mehr als lebendiger Organismus, sondern als reiner «Pflanzenträger» betrachtet.

Die Initiative hat sehr schnell sehr viele BefürworterInnen gehabt, doch sie wird auch heftig bekämpft. Wie gehen Sie damit um?

Mich erschreckt es immer wieder, in welchem Ausmass die Vertreter der Agroindustrie und der Bauernverband bereit sind, das bestehende System mit Lügen und Betrügereien zu stützen, und wie sie versuchen, der Bevölkerung Sand in die Augen zu streuen. Das ganze Wissen um die Folgen dieser Landwirtschaft liegen auf dem Tisch – ebenso wie es auch viel Wissen um gut funktionierende Alternativen gibt, wie z.B. die Rückkehr zu einer kleinräumigen vielfältigen Landwirtschaft oder gar die Permakultur. Wieso können Sie denn nicht einfach zugeben, dass wir uns in den letzten Jahrzehnten auf den Holzweg begeben haben, und umlenken – schliesslich geht es um nichts weniger als unsere Lebensgrundlagen. Und was mich auch immer wieder schockiert, ist die Tatsache, dass wir alle uns so weit weg bewegt haben von unserer Lebensgrundlage, dass wir so Vieles nicht mehr wissen.

Und was macht Ihnen am meisten Hoffnung?

Hoffnung machen wir all die neuen Bewegungen, die in den letzten Jahren und Monaten entstanden sind, und die sich solchen Themen annehmen und die Problematik noch sichtbarer machen. Und auch die Begegnungen mit Menschen, wenn ich Referate halte. Es kommen so viele Menschen im Anschluss erschrocken zu mir, weil sie das alles nicht gewusst haben. Ich bin ganz fest davon überzeugt, dass im Grunde genommen niemand in ein System investieren will, das unsere Lebensgrundlagen kaputt macht. Doch wir müssen zuerst die Realität kennen, um dann die richtigen Entscheide treffen zu können. 

Pascale Schnyder ist am Wasser aufgewachsen und sieht das Glas gerne halbvoll. Sie hofft sehr, dass die aktuelle Klimabewegung zu einem generellen Umdenken führt und die beiden Initiativen angenommen werden.

Was auf politischer Ebene läuft

In der Frühlingssession hat die Wirtschaftskommission des Nationalrats die Initiative für sauberes Trinkwasser und die Initiative für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide sowie entsprechende Gegenvorschläge zur Ablehnung empfohlen. Im Sommer werden die beiden Initiativen im Nationalrat behandelt. Derweil rüstet sich die Agrarlobby bereits für den Wahlkampf. Der Bauernverband und die Agrargenossenschaft Fenaco, zu der auch die Landi gehört, wollen über eine Million Franken in den Kampf gegen die beiden Initiativen investieren. 

Angesichts der riesigen PR-Strategie der Bauernverbände und der Chemie-Lobby ist es umso wichtiger, dass sich möglichst viele Menschen dafür engagieren, das Anliegen der Initiativen und das Wissen um den Zustand der aktuellen Landwirtschaft  breit zu streuen – sei es auf der Strasse, in Form von Informationsveranstaltungen oder im Gespräch mit Freunden und Kollegen. Zahlreiche Informationen, Studien sowie Mitmachmöglichkeiten finden sich auf: www.initiative-sauberes-trinkwasser.ch  

Taten statt Worte – Plakataktion am 19. + 20. Juni

Der Nationalrat wird am 19./20. Juni über eine Annahme, eine Ablehnung oder einen Gegenvorschlag zur Trinkwasserinitiative entscheiden. 

Franziska Herren und ihr Team wollen während der Nationalratsdebatte mit einer Plakataktion
„JA zur Trinkwasserinitiative“ in Bern präsent sein und damit die Öffentlichkeit, vor allem aber die Parlamentarier/innen, auf ihre dringenden Anliegen aufmerksam machen!

Sie suchen dafür noch MitstreiterInnen, die sich am 19. und oder 20. Juni für ein oder mehrere Stunden mit einem Plakat am Bahnhof oder auf dem Weg der Parlamentarier/innen zum Bundeshaus oder vors Bundeshaus stellen.

Die Aktion dauert von 07.00 Uhr bis ca. 20.00 Uhr und startet an beiden Tagen mit einem Treffen zwischen 06.30 – 07.30 in Bern am Bahnhof im Restaurant Tibits im oberen Stock, wo die Plakate verteilt und Instruktionen gegeben werden.  

Wer mitmachen möchte, schreibt an: info@sauberes-wasser-fuer-alle.ch

 

<< Die Römerquelle: Denkmal und Unort zugleichDarf nicht bleiben – kann nicht gehen >>
image_pdfPDFimage_printPrint
Teilen: