Bieler Perlen Ernährung Transition

Umstechen, Pflanzen, Ernten und… Palavern

Die weltweite Bewegung des Urban Gardening hat in Biel Ableger in unterschiedlichen Ausprägungen. Arbre à palabre“ im Madretsch-Quartier ist einer davon. Seit 2013 gedeihen in dem Gemeinschaftsgarten Früchte und Gemüse, aber auch zarte Pflänzchen im übertragenen Sinn.

Ob in Detroit USA oder in Rosario ARG: viele Urban Gardening Projekte entstanden primär aus wirtschaftlichen Gründen. Auf Brachen in den wegen der industriellen Krisen stark entvölkerten Grossstadtquartieren pflanzten häufig arbeitslose Einwohnerinnen ihr eigenes Gemüse an, um günstige und gesunde Lebensmittel zu erhalten. Dieser Beweggrund steht in Schweizer Gemeinschaftsgärten nicht im Mittelpunkt, auch wenn die Ernte in den HEKS-Gärten für die dort gärtnernden Migrantinnen und Migranten sicher eine willkommene Entlastung des Haushaltbudgets bedeutet. Für den 2011 gegründeten Verein „Arbreàpalabres“sind indes andere Ziele wichtig, zum Beispiel jungen und alten Stadtbewohnerinnen und –bewohnern das Bewusstsein für Ökologie und Natur näherzubringen oder Lebensqualität und Zusammenhalt im Quartier zu fördern.

Der steinige Weg zum grünen Pflanzplätz

Nach der Gründung unterbreiten die Vereinsmitglieder den Behörden ein Projektdossier mit der Bitte, die Stadt möge für den Gemeinschaftsgarten ein geeignetes Terrain zur Verfügung stellen. 2012 doppelt der Verein mit einer rund 500 Unterschriften umfassenden Petition nach. 2013 ist es dann soweit: Die Stadt vermietet dem Verein für symbolische 300 Franken im Jahr 600 m2eines vorläufig ungenutzten Baugeländes am Passerellenweg. Die Nutzungsvereinbarung wird jährlich neu verhandelt, um zu gewährleisten, dass das Betreiben des Gemeinschaftsgartens keine Probleme mit der unmittelbaren Nachbarschaft verursacht. Im August 2013 blüht und grünt es bereits auf rund einem Drittel des Terrains des „Arbreàpalabres“. Eine farbig bemalte „Werkzeugkiste plus“zieht die Blicke sofort auf sich. „Werkzeugkiste plus“bedeutet, dass die grosse Kiste auch einen Tisch und zwei Sitzbänke sowie ein Sonnen-/Regendach enthält.

Der Gemeinschaftsgarten als soziales Biotop

Das Besondere an diesem Gemeinschaftsgarten ist die Absicht, den grössten Teil des Bodens gemeinsam zu bearbeiten. Der ursprüngliche Plan unter der Anleitung von fachlich qualifizierten Mitstreitern (Agronomen, Demeter- Bäuerinnen) besagt: Alle bestimmen in einer Art rollender Planung mit, was angebaut wird, jeder trägt Samen oder Setzlinge bei. Man will aber nicht nur die üblichen Gemüsesorten und Kräuter pflanzen, sondern spezielle Sorten bevorzugen. Zudem soll selbstverständlich biologisch gegärtnert und mindestens teilweise gemäss den Grundsätzen der Permakultur experimentiert werden. Einige wenige Beete dürfen in Eigenregie bepflanzt, betreut und geerntet werden.

Auch im fünften Pflanzjahr gibt es immer noch ein gemeinsames Beet; jedoch hat der Anteil an individueller Bepflanzung zugenommen. Das Ausscheiden oder Kürzertreten von einigen Gründungsmitgliedern und der Eintritt neuer Gärtnernder verschieben die anfänglichen Prioritäten je nach den Bedürfnissen Letzterer. So schwindet das Interesse an Permakultur und auch die Maxime des biologischen Gärtnerns wird nicht mehr so strikt durchgezogen. Initiative und stärker engagierte Leute beeinflussen die Stossrichtung. Diese wird an monatlichen Treffen intensiv diskutiert. Wenn keine Einigkeit herrscht, entscheidet auch mal die Mehrheit. Damit ist der Gemeinschaftsgarten auch ein sozialer Lernplatz.

Das Quartierleben pflegen

Die Vereinsmitglieder pflegen sowohl den Boden und seine Früchte wie auch den Kontakt untereinander und mit den Nachbarn des Terrains. Schliesslich bedeutet „Arbreàpalabre“in Afrika: Treffpunkt zum Schwatzen. Deshalb ist der Verein stolz darauf, dass fünf der 27 Mitglieder Migrantinnen und Migranten sind. Trotz verschiedener Anstrengungen beteiligen sich aber die Anrainer nicht stark am Projekt. Jedoch blüht nach und nach eine Zusammenarbeit mit dem Quartier-Info Madretsch auf. Ein Beispiel: Diese von der Stadt Biel betriebene Infrastruktur lancierte das Projekt „Vision Madretsch“und rief am 1. Juni 2016 zu einer ersten gemeinsamen Aktion gegen Littering auf. Die Gemeinschaftsgärtnerinnen halfen beim Putzen mit und luden zu einem anschliessenden kanadischen Buffet ein. Eine gute Gelegenheit für die Palaverbaum-Initianten, ihr Projekt in Erinnerung zu rufen!

Nelly Braunschweiger ist Teil einer Gruppe des Arbeitskreises für Zeitfragen Biel, die sich mit Wachstumsthemen kritisch auseinandersetzt. Wer mitdenken und mithandeln will, ist willkommen.

An jedem Mittwoch zwischen 17 und 19 Uhr treffen sich die aktiven Vereinsmitglieder im Gemeinschaftsgarten beim Passerellenweg 20. Seite an Seite stechen sie um, säen, giessen und ernten. Die GärtnerInnen freuen sich natürlichüber jedes neue aktive Mitglied und auch passive den Verein Unterstützende sind jederzeit erwünscht!

Kontakt

Rolf Scherler Fabrikgässli 1 2502 Biel gemeinschaftsgarten@gmx.net Tel. 078 627 95 93

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