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Zeittausch bringt Lebensqualität

Tauschhandel ist eine uralte und immer noch existente Kulturtechnik. Unsere Vorfahren auf den Bäumen tauschten Bananen gegen Mango, mittelalterliche Hand-
werker und Bauern tauschten Werkzeuge gegen Kost und Logis, heute tauschen wir ICT-Knowhow gegen eine Ganzkörpermassage. Es existieren bereits zahlreiche und unterschiedliche Tauschbörsen, was also ist anders beim regionalen Projekt «time-trade»? In dieser erweiterten Form von Nachbarschaftshilfe unterstützt man sich gegenseitig, erfährt Wertschätzung und lernt Neues dazu, kurz: die Lebensqualität steigt.

Der Grundgedanke von «time-trade» – übrigens weltweit bekannt – propagiert den Austausch von Fertigkeiten auf freiwilliger Basis absolut ohne Bewertung. Ich gebe etwas weiter, was ich kann und was mir Spass macht. Bei Bedarf hole ich mir Hilfe für etwas, das ich benötige. Es spielt keine Rolle, ob die eine Fertigkeit auf dem Arbeitsmarkt höher eingeschätzt wird als eine andere. Der Handel muss auch nicht unbedingt zwischen den gleichen Personen stattfinden.

Ein Beispiel: Eine kolumbianische Flüchtlingsfrau kocht mir ein typisches Gericht ihres Heimatlandes während wir über Gott und die Welt sprechen – ausschliesslich auf Deutsch, damit sie ihre Konversationsfähigkeit verbessern kann. So geniessen wir ein köstliches Mittag-essen und lernen uns gleichzeitig besser kennen, wir erweitern beide unseren Horizont. Diese paar Stunden, die wir in regelmässigen Abständen oder sporadisch miteinander verbringen, sind nicht nur ein Austausch von Dienstleistungen, sondern bereichern auch unser Leben.

Der Verein time-trade ging am 7. Mai 2016 mit dem Motto «…weil jede und jeder etwas kann und etwas braucht» im Stedtli-Treff Nidau an die Öffentlichkeit. Seither ist an jedem Samstag ein Vereinsmitglied dort anzutreffen (siehe Kästchen). Meistens ist es Maja Büchel, die im Folgenden ein paar Fragen beantwortet:

Was wird bei «time-trade» angeboten, was wird nachgefragt?

Zwei Angebote werden besonders stark genutzt: Spanisch-Unterricht und Fensterputzen. Die beiden Frauen, die das anbieten, müssen inzwischen weitere Anfragen negativ beantworten. Es gibt aber auch eher exotische Angebote und Nachfragen. Zwei Beispiele: Ein Mann sucht jemanden, der bei ihm zu Hause grilliert, damit er sich ganz seinen Gästen widmen kann. Ein anderer Mann hat sich auf den Artikel im Bieler Tagblatt gemeldet. Er ist ein Oldtimerfreak und hat sich riesig gefreut, dass er eine begeisterte alte Dame in seinem Seitenwagenmotorrad ausfahren konnte.

Hier wird etwas klar: Angebote werden eher nachgefragt, wenn sie klar umrissen sind. Wenn ein Angebot «schwammig» formuliert ist, kann man natürlich auch direkt mit dem Anbieter in Kontakt treten, um Genaueres herauszufinden.

Funktioniert die Idee des Gebens und Nehmens?

Das Austauschverhältnis kann ganz «schief» sein. Vielleicht nimmt jemand über längere Zeit die Hilfe einer anderen Person in Anspruch ohne selber irgendjemand anderem etwas zu geben. Wir definieren eine Limite von 30 Minus- oder Plusstunden. Wenn jemand diese Limite auf die eine oder andere Seite überschreitet, fragen wir nach. Zeigt sich im Gespräch, dass sich beispielsweise ein alleinerziehender Vater oder eine alleinerziehende Mutter in einem vorübergehenden jedoch länger dauernden Engpass befindet, kann man auch kulant sein und diese Limite hinausschieben.

Woher kommen die Mitglieder? Wie viele sind es zum heutigen Zeitpunkt?

Wir haben Anfragen aus der ganzen Region: Arch, Grenchen, Lyss, Nidau und natürlich viele aus Biel. Aktuell sind rund 60 Mitglieder in der Datenbank eingetragen.

Ich meine, dass es in Zukunft völlig selbstverständlich sein sollte, dass man in der time-trade-Plattform nachschaut, ob man für sein vielleicht auch nur kurzfristiges Bedürfnis jemanden findet, z.B. für eine Betreuung des Hundes während der Ferienabwesenheit oder dafür, Einkäufe zu erledigen während einer unfallbedingten Rekonvaleszenz. Damit das time-trade-System richtig ins Rollen kommt, müssen wir jedoch deulich mehr Mitglieder haben.

Was ist für dich persönlich das wichtigste Ziel, das du mit «time-trade» erreichen möchtest?

Um diese Frage beantworten zu können, muss ich etwas ausholen. Meine Kindheit und Jugend waren geprägt von einer Mentalität des Gebens und Nehmens, einmal wegen meiner für die damalige Zeit eher atypischen Eltern und dann wegen der Jahre, die unsere Familie in Afrika verbrachte. In meinem Erwachsenenleben hat sich das fortgesetzt. Ob in meiner dreijährigen Zirkuszeit oder in der neunköpfigen Wohngemeinschaft: Ich befand mich immer wieder in einer Umgebung der gegenseitigen Unterstützung. Obwohl das Credo in unserer heutigen Gesellschaft heisst: Jeder schaut für sich, dann geht es allen gut, habe ich erfahren, dass ein Bedürfnis vorhanden ist, sich auszutauschen, etwas zu geben, aber auch etwas zu akzeptieren. In meiner politischen Karriere habe ich ebenfalls miterlebt, dass eine gewisse Bereitschaft zur gegenseitigen Unterstützung in unserer Gesellschaft durchaus vorhanden ist. Es liegt mir viel daran, dass dieser Rest-Altruismus nicht verloren geht.

Trotz dieses Hintergrunds habe ich gemerkt, dass ich Schwierigkeiten habe, etwas anzunehmen. Angebote von «time-trade»-Mitgliedern zu nutzen, hilft mir vielleicht, ohne schlechtes Gewissen Unterstützung von anderen anzunehmen. Ein Beispiel: Ich leihe gerne jemandem mein Auto aus und kann inzwischen selbstverständlich annehmen, dass mir dafür jemand die Wohnung putzt. Übrigens merke ich, dass das auch anderen Leuten so geht. Es kommt selten vor, dass das Geben und Nehmen im Gleichgewicht ist. Für mich persönlich ist der «Tauschwert» sowieso nicht so wichtig. Zeit mit anderen Menschen zu verbringen, unterschiedliche Erfahrungen auszutauschen ist eine Bereicherung für mich. Das ist ein echter «Lebenswert».

Kommen eigentlich viele Leute zu den Samstagstreffen?

Nein, die Nachfrage ist nicht gross. Viele Kontakte laufen per E-Mail oder Telefon. Manchmal kommen am Samstag Leute vorbei, die Hilfe suchen fürs Ausfüllen des Anmeldeformulars. Die Online-Plattform ist leider für viele Interessierte noch ein Stolperstein. Personen, die das Internet nicht regelmässig nutzen, werden durch deren etwas komplizierten Aufbau abgeschreckt. Demnächst wird jedoch eine neue Homepage mit neuem und einfachem Zugang aufgeschaltet und es wird auch eine App geben.

Übrigens suchen wir dringend zusätzliche Kräfte für den Vorstand und für spezifische Aufgaben, z.B. für die Übersetzung unserer Homepage auf Französisch! Es gibt viele Leute, die uns ideell unterstützen, die es eine gute Sache finden, dass Zeit an Stelle von Geld tritt. Viele sagen aber auch, sie hätten keine Zeit, bei unserem Projekt konkret mitzuarbeiten.

Nelly Braunschweiger ist Teil einer Gruppe des Arbeitskreises für Zeitfragen Biel, die sich mit Wachstumsthemen kritisch auseinandersetzt. Tauschen und Teilen im Sinne des time-trade-Projekts ist für die Gruppe ein Ansatz von vielen, um sich dem vorherrschenden Trend des angeblich zwingenden Wachstumswahns entgegenzusetzen.

Wer in dieser Gruppe mitdenken, -diskutieren und -handeln will, ist willkommen.

Das nächsteTreffen findet statt am 3. Oktober 2016 von 18.00-19:30 Uhr bei Nelly Braunschweiger an der Salomegasse 15 in Biel..

Jeden Samstag steht ein Mitglied Red und Antwort, entweder im Stedtli Träff Nidau von 10-12 Uhr oder beim interkulturellen Verein Nidau Inter-Nido, Lyss-Strasse 43, 2560 Nidau von 11-12 Uhr.

Der Verein ist auch an der «Nacht der 1000 Fragen» anzutreffen, die am 22. Oktober 2016 stattfindet. Am «time-trade»-Stand kann man sich informieren, sich kurz entschlossen einschreiben und auch für einen freiwilligen Beitrag Vereinsmitglied werden.

Dies ist die Überschrift

Website: www.time-trade.ch E-Mail: info@time-trade.ch Telefon: 078 607 05 59 (Di, Do, Sa 16 bis 20 Uhr).

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