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Wenn die Bäume weiterwachsen

Unser Autor wohnt seit Anfang 2020 nicht mehr im Ökoquartier in Meyrin, aus dem er uns berichtete. In der letzten Kolumne blickt er auf 21 Monate Abenteuer zurück und sagt, warum er wieder dorthin zurückkehren wird.

Ich bin ein Mensch, der Gelegenheiten gerne wahrnimmt. So eine bot sich mir Ende des abgelaufenen Jahres. Ende November hatte ich mich auf die liste de relogement en urgence der Genossenschaft Ciguë setzen lassen, um die Behausung innerhalb der Genossenschaft möglichst rasch wechseln zu können. Kurze Zeit später wurde mir eine 2-Zimmer-Wohnung in einem Wohnblock angeboten, der in einem Jahr abgerissen werden soll. Une visite, ein Entscheid, und früher als ich dachte, verliess ich die mir lieb gewordene Umgebung im Ökoquartier. Mais pourquoi?

Rückblickend war es ein ensemble von Dingen, die mich dazu gebracht haben, den Schritt zu machen. Erstens, das persönliche Bedürfnis nach Ruhe. Weniger ist mehr. Als einer von vier Hausdelegierten und aktives Mitglied in meiner WG wurde ich von vielen Seiten beansprucht und vergass zuletzt etwas, auf mich selbst Rücksicht zu nehmen. Es wurde mir schlicht zu viel und ich hatte es zunehmend satt, mich um „externe Probleme“ kümmern zu müssen und dadurch persönliche Bedürfnisse zu vernachlässigen. Das führte dazu, das ich alles andere als ausgeglichen in meinem Leben war. Zweitens war ich ein wenig frustriert, weil ich feststellen musste, dass eine Mehrheit im Wohnhaus nicht bereit war, sich für die Hausgemeinschaft, geschweige denn für das Quartier zu engagieren. Die Wenigsten waren – wie ich – wegen dem Ökoquartier hierhin gezogen. Die meisten kamen wohl eher wegen der günstigen Miete. Deshalb: Ökoquartier- und GenossenschaftsbewohnerInnen sind nicht zwingend engagierte Menschen. Das weiss ich jetzt. Malheureusement! Drittens hatte ich den salle polyvalente als Hausdelegierter zum Laufen gebracht, das cahier des charges für das Wohnhaus war zum Jahresende endlich verfasst (wir waren ja die ersten, die dort einzogen) und die Pflanzkästen für den Vorplatz des Wohnhauses sind auf gutem Weg.
Für mich war der Moment gekommen, dem 21-monatigen Abenteuer ein Ende zu setzen. Was mir den Entscheid erleichterte: Mein neues Zuhause befindet sich näher am Stadtzentrum Genfs, ist aber dennoch nur 15 Minuten mit dem Velo vom Ökoquartier entfernt. Ich werde deswegen auch in Zukunft in meiner alten Umgebung gärtnern, meine Einkäufe im Supermarché Participatif Paysan (SPP) machen und so die zahlreichen im Quartier geknüpften Kontakte ohne grossen Aufwand pflegen können.

Ich bin sehr dankbar, dass ich die Gelegenheit hatte, beim Aufbau eines Ökoquartiers mitzuwirken. Es ist inspirierend zu sehen, wie da überall Bäume wachsen. Doch das Ideal einer funktionierenden Nachbarschaftssiedlung nach den Ideen von NeustartSchweiz ist noch nicht realisiert. Mit der Eröffnung der beiden gigantisch grossen Wohnhäuser der Genossenschaften La Codha/Voisinage strömen aber seit letztem Sommer immer mehr IdealistInnen ins Ökoquartier, das künftig 2500 Menschen beherbergen soll. Der SPP wird bald seine Ladenfläche vergrössern und die Auberge de Voisins ihre Tore öffnen. Doch bis all die Projekte so richtig in Schwung sind, wird es noch dauern. Ich habe gelernt: Bei der Umsetzung eines solchen Nachbarschaftsprojekts ist der Faktor Zeit schon fast primordial, ob für das Quartier oder für ein Wohnhaus, wie in unserem Fall. Es braucht unzählige Hände, viel Energie und vor allem engagierte Menschen. Für die Wohnhäuser der Genossenschaft Ciguë ist aber gerade dies jeweils die grosse Herausforderung. Um ein Dach über dem Kopf in der Genossenschaft zu bekommen, muss man in Ausbildung sein. Dieses Kriterium ist neben dem Alter (mindestens 18) und dem Einkommen (nicht mehr als 3000.- pro Monat) entscheidend. Doch die Ausbildung ist früher oder später zu Ende. Auch bei mir wird das so sein. Der vergängliche Charakter ist der Genossenschaft also eigen. Kontinuierliches Engagement ist so nur bedingt möglich. Ich hoffe, mit meinen Ko-Delegierten die Basis für das Wohnhaus nach 21 Monaten gelegt zu haben und dass die Ablösung, die relève, gelingt. Denn ich bin nicht der einzige im Haus, der etwas ausgelaugt ist nach dieser intensiven Zeit. Wir waren aber auch mit einigen Komplikationen konfrontiert: mehrere Einbrüche kurz nachdem wir im Frühling 2018 eingezogen waren, ein bis heute immer noch auf finitions wartendes Wohnhaus, ständiger Wechsel in den WGs und ein Gemeinschaftssaal, der erst seit Ende Sommer 2019 so richtig bezugsbereit war. Eine hausinterne Dynamik konnte dort noch gar nicht richtig entstehen. Animiert war das Leben im Wohnhaus aber allemal. Vor allem auf den coursives, den breiten Balkonen, wo ich ich viele Bekannt- und Freundschaften machen durfte.

 

Ich freue mich jetzt schon, in zehn Jahren zurückzukehren und die gewachsenen Bäume zu bestaunen. Stand heute kann ich mir nämlich nicht vorstellen, mittelfristig wieder dorthin zu ziehen. Die geteerten Alleen und die vielen Betonbauten haben mich bis heute nicht erwärmen können. Zudem ist mir die Entfernung zur „wilden Natur“ schlicht zu gross. Nicht mehr dort zu wohnen, wird mir aber mit Sicherheit eine ganz neue Perspektive auf das Ökoquartier eröffnen.

Pascal Mülchi (34) arbeitet u. a. als Übersetzer (Fr>De) und schreibt derzeit an seiner MA-Arbeit zum Thema Kleinbauernrechte. Mehr auf pascoum.net. Infos zum Ökoquartier Les Vergers in Meyrin auf: https://les-vergers.ch.

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